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Rudelstrukturen in Hundegruppen

Rangordnung und Futterzugang – Unterschiede zwischen Hund und Wolf?

Eine soeben veröffentlichte Arbeit aus der Wiener Forschungsgruppe (Range, Ritter und Viranyi, Proc. R. Soc. B. 282, 2015 02 20, 2015) wirft neues Licht auf die Frage der möglichen Unterschiede in sozialer Toleranz zwischen Hunden und Wölfen. Die Autorinnen können zeigen, dass im Gegensatz zu Wölfen bei einer gemeinsamen Fütterung von zwei Hunden aus der gleichen Gruppe sich der ranghohe Hund beim Futterzugang normalerweise durchsetzte, und der rangtiefe Hund seinem Gruppengenossen das Futter überlies. Wölfe dagegen fraßen gemeinsam, bei Wölfen und Hunden waren sehr wenige aggressive Verhaltensweisen auf niedrigerem Niveau zu beobachten. Die Hunde waren allesamt Mischlinge, die in ungarischen Tierheimen geboren waren, und vergleichbar den Wölfen aufgezogen worden waren.

Die Autorinnen diskutieren dies im Hinblick auf die nach wie vor offene Frage, in wieweit Hunde oder auch Wölfe aggressiver oder weniger aggressiv zueinander sind als die jeweils andere Form, und im Hinblick auf die möglichen Verhaltensänderungen in der Domestikation. Ihre Schlussfolgerungen sind vorwiegend, dass Wölfe bereits zu einem sehr hohen Maß an sozialer Kooperation untereinander befähigt waren, und das Menschen, bei der Entwicklung der Menschhundbeziehung im Laufe der Domestikation diese Kooperationsbereitschaft nutzen und gewissermaßen umorientieren konnten. Sie vermuten weiter, dass die doch wesentlich entspanntere Selektion bei Haushunden, selbst bei verwilderten Haushunden im Hinblick auf die gemeinsame Nutzung von Futterquellen dazu geführt haben könnte, dass die Kooperationsbereitschaft beim gemeinsamen Fressen abnähme.

Jedoch sind Befunde sowohl aus unserer eigenen Arbeitsgruppe als auch aus anderen Gruppen mit anderen Methoden (beispielsweise aus Budapest, wo ein Hund selbst ein Futterverteidigungsknurren eines völlig fremden aus dem Lautsprecher sofort respektiert hat) geeignet, hier gewisse Differenzierungen zu erwarten. Möglicherweise sind auch Rasseunterschiede zu beachten, und nach neueren Erkenntnissen über die Wirkung epigenetischer Prozesse könnten Mischlinge aus dem Tierheim möglicherweise auch hier andere, negativere Grundvoraussetzungen aufweisen. Der Zusammenhang zwischen dem Stresshormonsystem des Cortisol und der Futteraggression ist ja auch aus Labortieruntersuchungen belegt.

Insgesamt werfen die Untersuchungen jedoch eine interessante neue Perspektive auf, und zeigen mit einer neuen Facette, dass tatsächlich das Verhalten von Wolf und Haushund eben in vielerlei Hinsicht nicht gleich ist, und das auch bei Hunden noch eine Reihe von offenen Fragen zu untersuchen sind. (UG)