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Auswirkungen der chemischen Kastration auf die Gesundheit von weiblichen Hundeartigen

Erkenntnisse aus der Wildtiermedizin

Die chemische Kastration mit dem Suprelorin-Implantat ist biochemisch und physiologisch für weibliche Caniden genauso wie für männliche möglich. In einer Zusammenstellung der daraus resultierenden gesundheitlichen Konsequenzen für insgesamt sieben Arten von Hundeartigen in Nordamerikanischen Zoos zeigt ein Autorenteam rund um Sheryl Asa (Zoo Biology 33, 8-19, 2014), dass es durchaus möglich ist, Fortpflanzungsverhütung bei weiblichen Hundeartigen mit Suprelorin-Implantation zu betreiben. Die Risiken, dass sich in der Folgezeit entweder eine Verdickung der Gebärmutterschleimhaut (Endometriale Hyperplasie) oder eine Gebärmutterentzündung (Pyometra) entwickelt, sind jedoch nicht von der Hand zu weisen. Die Risiken sind deutlich geringer, als wenn die früher übliche Methode der Geburtenverhütung durch Implantation von Progestin, also künstlichem Schwangerschaftshormon, erfolgte. Trotzdem ist der Prozentsatz vergleichsweise hoch. Bemerkenswert ist, dass es Artunterschiede in der Häufigkeit und Anfälligkeit für die beiden genannten Gebärmutterveränderungen gibt, ähnlich den ebenfalls berichteten Rasseunterschieden in der Anfälligkeit beim Haushund. Belegt ist weiterhin, dass die Implantation mit den genannten Verhütungsmitteln nicht die einzigen Risiken darstellt, dass eine der genannten Veränderungen sich entwickelt. Gerade in der Phase der Scheinschwangerschaft, nach dem ordentlichen Östrus, kann nachgewiesenermaßen auch bei der Haushündin eine ganze Reihe anderer physikalischer und biologischer und chemischer Faktoren die Entstehung der genannten Veränderungen begünstigen.

Eine Schutzwirkung gegen die genannten Veränderungen war durch vorangehende echte Schwangerschaften und Geburten nachweisbar. Offensichtlich wird durch die vollständige Erneuerung der Gebärmutterschleimhaut nach der Geburt jeder mögliche nachteilige Effekt des Progesteronanstiegs während der Schwangerschaft wieder ausgeglichen.

Je mehr Jahre nacheinander ein weibliches Tier keine Implantation erfuhr, desto größer war das Risiko für die genannten Probleme. Die Empfehlung daraus lautet auch eindeutig, dass es sinnvoller ist, Trächtigkeiten bei Hündinnen über einen größeren Zeitraum verteilt vorzunehmen, und die Jahre, in denen sie nicht zur Fortpflanzung gebracht werden, möglichst gleichmäßig über die vorhandenen Lebensjahre zu verteilen. Es ist offensichtlich für die Vermeidung von Gebärmutterveränderungen die bessere Taktik, als die weiblichen Tiere kurze Zeit nacheinander mehrmals erfolgreich züchten zu lassen und sie dann anschließend aus der Zucht zu nehmen.

Eine interessante Möglichkeit der Vermeidung negativer Auswirkungen auf die Gebärmutter scheint zu sein, wenn zu Beginn der Implantation mit Suprelorin, also mit dem GnRH Agonisten, gleichzeitig das künstliche Progestin Ovaban verabreicht wird. Dieses Medikament verhindert den Erstanstieg der Östrogene und damit auch die Auswirkungen auf die Gebärmutterschleimhaut. Zwar sind die Fälle, in denen diese Kombinationsmöglichkeit in amerikanischen Zuchtprogramm angewendet wurde, derzeit noch zu selten, um eine echte statistische Analyse durchzuführen, jedoch ist der biochemisch-physiologische Mechanismus belegt. Eine Kombination sollte also eine besonders gute Möglichkeit der chemischen Kastration von Hündinnen ohne ein gestiegenes Risiko der Gebärmutterveränderung ermöglichen. Gleichzeitig weist die Autorin daraufhin, dass es wichtig ist, die Implantation nicht im Pro-Östrus oder Östrus vorzunehmen, da dann die Zahl der Progestinrezeptoren verringert ist und damit wiederum das Risiko sinkt.

Eine interessante Nebenbemerkung entstand aus dieser Studie noch: Gegen Ende der Wirksamkeit des Suprelorinimplantats beobachten die Autoren, in Übereinstimmung mit der Erfahrung vieler anderer Zoopraktiker, oftmals eine erneute Erhöhung der Progesteronkonzentration. Dies ist in grober Weise vergleichbar unseren, wenn auch bisher nicht statistisch oder anderweitig abgesicherten Beobachtungen, dass bei Rüden gegen Ende der Wirksamkeit des Suprelorinchips ebenfalls eine verstärkte Testosteronproduktion und geradezu eine zweite Pubertät auftreten kann. Die dafür verantwortlichen Regelkreise sind wiederum in beiden Geschlechtern gleich. Die für die Hündinnen entwickelten Vorstellungen können also durchaus auch herangezogen werden, um die genannten, noch nicht exakt belegten Erfahrungsberichte bei Rüden zu erklären.

Die genannte Studie zeigt deutlich, dass Erfahrungen aus der Zoo- und Wildtiermedizin weiterhin geeignet sind, die Verwendung und die Sicherheit einschlägiger Präparate und Vorgehensweisen bei Haushunden zu verbessern. Letztlich stammt die Möglichkeit, mit dem Suprelorinchip die chemische Kastration vorzunehmen, ja auch aus der Wildtiermedizin, da dort Kastrationen besonders bei seltenen und damit genetisch wertvollen Arten eben nicht in Frage kommen.

Die maximale Behandlungsdauer für Hündinnen mit dem Suprelorinchip oder andere medikamentöse Behandelungen betrug in dieser Studie übrigens zwei Jahre.