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Markieren und Gegenmarkieren bei Hunden

Eine kürzlich veröffentlichte Studie über Markierverhalten bei Hunden (Liesberg und Snowdon) in der Zeitschrift Animal Behaviour (Band 81, Seite 757 bis 764, 2011) untersuchte das Über- und Danebenmarkieren von Hunden auf Urinmarken unter verschiedenen Voraussetzungen. Die Untersuchung umfasste zum einen die Präsentation von standardisierten Urinmarken bei Labradoren in deren bekannter Umgebung, zum anderen Beobachtungen des Markierverhaltens von verschiedenen Hunderassen in einem Hunde-Freilaufgebiet in Chicago. Es wurde zunächst unterschieden zwischen dem echten Übermarkieren und dem daneben Markieren, und die aufgenommen Daten umfassten neben der Dauer des voran gehenden Beschnupperns und Untersuchungen auch die Markierposition, und als Charakteristika der beobachteten Hunde deren Rutenposition (als Maß für ihren Status bzw. ihrer Statussicherheit), das Geschlecht und die Frage, ob sie kastriert waren oder nicht. Zudem wurde bei den kontrollierten Präsentationen auch noch Urin von bekannten und unbekannten Hunden abwechselnd getestet.

Die Ergebnisse zeigen, dass sowohl kastrierte als auch unkastrierte Hunde regelmäßig über und auch neben die Duftmarken von Artgenossen markieren. Bei der experimentellen Präsentation von Urin wurde Übermarkieren nur von Rüden gezeigt, nur intakte Rüden markieren bevorzugt den Urin von intakten Hündinnen über, die übermarkierenden Rüden hatten einen durch die Rutenposition ausgezeichneten höheren Status, und das Übermarkieren wurde nicht durch die Bekanntheit des Urinspenders beeinflusst. Das daneben Markieren dagegen betraf in der experimentellen Situation nur unbekannte Urinmarken, und war weder vom Geschlecht noch von der Rutenposition beeinflusst. Gegenmarkieren insgesamt, also Über- und daneben Markieren gemeinsam, war von der Kastration in beiden Geschlechtern unbeeinflusst.

Bei den Beobachtungen im Hundepark waren beide Geschlechter regelmäßig mit dem Untersuchen und Markieren der gemeinsamen Pinkelstellen beschäftigt. Rüden und Hündinnen zeigten das Gegenmarkieren und Untersuchen des Urins mit gleicher Wahrscheinlichkeit, und auch Duftmarken von Rüden und Hündinnen wurden mit gleicher Wahrscheinlichkeit gegenmarkiert. Rüden und Hündinnen mit höherer Rutenposition urinierten, untersuchten und gegenmarkierten häufiger als Hunde des gleichen Geschlechts mit niedrigranigiger Rutenposition.

Die Studie wird so gedeutet, dass die Funktion des Übermarkierens von intakten Rüden über den Urin intakter Hündinnen möglicherweise, wie bereits früher vermutet, wirklich der Verschleierung des weiblichen Dufts und damit der Aufrechterhaltung sexueller Privilegien dienen könnte. Alle anderen Bestandteile des Markierverhaltens, insbesondere das daneben Markieren, sowie Übermarkieren durch weibliche und/oder kastrierte Hunde beiderlei Geschlechts scheinen mehr mit der Signalsierung von Status, der Aufrechterhaltung der sozialen Beziehungsnetze und evtl. der Ressourcenverteidigung insgesamt verknüpft zu sein.

Als praktische Anwendung daraus lässt sich ebenso ableiten, dass nur ein ganz bestimmter und schmaler Bereich des männlich Markierverhaltens durch Kastration beeinflusst wird. Die sozialen Funktionen des Gegen/Über- und daneben Markierens dagegen sind von der Kastration in beiden Geschlechtern offensichtlich unabhängig.