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Kohlenhydrate und Selbstkontrolle – eine wenig beachtete Seite der Fütterung

Nachdem durch molekulargenetische Untersuchungen mittlerweile deutlich belegt ist, dass Haushunde im Gegensatz zu Wölfen zu einer sehr viel stärkeren und erfolgreicheren Kohlenhydrat-, Stärke- und Fettverdauung befähigt sind, sollte eigentlich die Praxis der reinen bzw. überwiegenden Fleischfütterung für Haushunde ohnehin der Vergangenheit angehören (Axelsson et al. 2013). Wenig bekannt dagegen ist, dass auch im Bereich der Verhaltenskontrolle die Fütterung von Kohlenhydraten durchaus Effekte haben kann.

In einer Studie im Jahre 2010 (Millev et al., Psychological Science 21, 534–538, 2010) wurden Hunde entweder für einen Zeitraum von 10 Minuten in eine Hundebox platziert oder mussten mit dem Kommando Sitz und Bleib 10 Minuten in einem Raum in dieser Position alleine bleiben. Im Anschluss daran erhielten beide Versuchsgruppen ein mit Futter gefülltes Spielzeug, aus dem sie durch vorige Erfahrung wussten, wie man sich das Futter erarbeiten kann. Im Gegensatz zu der Trainingsperiode vorher war jedoch nun das Spielzeug so verändert, dass kein Futter heraus kam.

Es wurde nun die Beharrlichkeit getestet, mit der die Hunde versuchten, diese unmögliche Aufgabe zu lösen. Hunde, die vorher 10 Minuten mit dem Sitz-und-Bleib-Kommando zur Selbstkontrolle gezwungen worden waren, zeigten sehr viel weniger Beharrlichkeit und gaben sehr viel früher bei der schwierigen Aufgabe auf. Hunde, die zwar auch ruhig waren, dies aber durch die Hundebox gezwungenermaßen, arbeiteten länger (im Durchschnitt über 140 Sekunden, im Gegensatz zu unter 50 Sekunden bei den Hunden der Sitz und Bleib Gruppe), an dieser schwierigen Aufgabe.

Aus der menschlichen Psychologie wurde nun als nächstes die Hypothese übernommen, dass diese verringerte Beharrlichkeit etwas mit der Energieversorgung im Gehirn zu tun haben könnte. Bei menschlichen Versuchspersonen zeigte sich nämlich, dass solche Selbstkontrollübungen mit einem sehr hohen Energieverbrauch im Gehirn gekoppelt waren. Was also, wenn nur der Energieverbrauch die Hunde von weiterem beharrlichen Arbeiten abgehalten hätte? Dementsprechend erhielt ein Teil der Hunde vor der Beschäftigung mit dem schwierigen Spielzeug einen Glucosetrank, die andere Gruppe einen zuckerfreien Kontrolltrank. Und schon änderten sich die Ergebnisse. Während die Ergebnisse der Kontrollgruppe, die vorher kein Sitz-und-Bleib hatte, mit Glukose und dem zuckerfreien Kontrolltrank etwa gleich blieben, erhöhte sich die Ausdauer der Sitz-und-Bleib-Hunde nach Genuss des Glukosetranks um das Doppelte. Sie zeigten die gleiche Ausdauer wie die Hunde der Käfiggruppe. Bei weiterführenden Untersuchungen am Menschen zeigte sich übrigens, dass bereits das Ausspülen des Mundes mit Zuckerwasser, auch wenn dadurch keine Erhöhung des Blutzuckerspiegels nachweisbar war, die Motivation zur Beharrlichkeit erhöhte. Ob dies auch für Hunde gilt, wurde noch nicht untersucht.

Das auch hier nicht unbedingt gilt „Viel hilft viel“, zeigen aber Erfahrungen bei Hyperaktiven oder gar ADHS auffälligen Hunden. Dort ist ein zu hoher Blutzuckerspiegel, der sich dann auch in einem hohem Glukosespiegel im Gehirn wieder findet, eine der erfahrungsgemäß immer wieder beobachteten Ursachen für die Verschärfung der Problematik.

In Labortierstudien zeigte sich zudem, dass ganz besonders schmackhafte und/oder besonders hochwertige Belohnungen bei Tieren, die sich in hoher Erwartungshaltung befinden, die Stereotypieneigung erhöht. Die Erkenntnisse dieser Studie (Tjichi 2012) werden jedoch im Zusammenhang mit der Persönlichkeitsfrage an andere Stelle nochmals deutlicher diskutiert werden.

Insgesamt lässt sich also sagen, dass einerseits eine kohlenhydrathaltige Ernährung durchaus auch im Bereich der Verhaltenskontrolle des Hundes wichtige Effekte erzielen kann, dass anderseits die genaue Menge und Form der verabreichten Kohlenhydrate durchaus je nach Hundetyp unterschiedlich bewertet werden muss.