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Konfliktmanagement nun auch bei freilebenden Wölfen belegt

Untersuchungen über Versöhnungsverhalten, Trost spenden durch unbeteiligte Dritte nach einem Streit und ähnliche hochstehende Verhaltenseigenschaften sind bisher überwiegend bei Gehegewölfen und auch bei Haushunden belegt. Nun gelang es einer Schweizer Arbeitsgruppe (federführend Candice Baan) im Yellowstone Nationalpark in zwei der dort lebenden und allgemein gut bekannten Rudeln ebenfalls solche Mechanismen sozialen Managements zu beobachten. Die Arbeit wurde in Animal Behaviour (90, 327–334 2014) veröffentlicht.

Die sozialen Verhaltensweisen in den beiden untersuchten Rudeln deuteten auf ein sogenanntes tolerantes Dominanzsystem hin, also auf ein System, bei dem innerhalb des Rudels nur eine sehr geringe Zahl aggressiver Auseinandersetzungen auftritt. Demgegenüber sind die aggressiven Auseinandersetzungen zwischen benachbarten Rudeln ja gerade im Yellowstone Park sehr heftig und oftmals auch mit schweren Verletzungen oder schlimmerem gekoppelt. Primatenmodelle lassen vermuten, dass genau unter diesen Bedienungen, einer geringen Rate von Innergruppenaggression und sehr heftiger Konkurrenz zwischen den Gruppen, Versöhnungsverhalten besonders häufig auftreten sollte. Genau das hat die Untersuchungen der Schweizer Gruppe auch gezeigt. Die Versöhnungstendenz und das Ausmaß an Trost spenden durch unbeteiligte Dritte war in ähnlichen Prozentwerten wie bei den genannten Primatenarten mit tolerantem und konfliktarmem Sozialsystem (einige Makakenarten, also Verwandte des Rhesusaffen). Arten mit sehr striktem und despotischem Innergruppen-Dominanzsystem, etwa die Rhesusaffen selbst oder auch Schimpansen, zeigen dagegen ein wesentlich geringeres Versöhnungsverhalten.

Insgesamt wurden ca. 61% der beobachteten Konflikte versöhnt, in ca. 5% der Fälle kam es nach dem Konflikt zu unaufgeforderten Trost spenden seitens eines Dritten, in nahezu 20% zu einer Trost spenden nach Kontaktaufnahme des ehemaligen Konfliktpartners mit dem unbeteiligten Dritten. Nur in etwa 15% der Konflikte war der Verlierer nachher nicht in irgendwelche freundlichen Verhaltensweisen verknüpft. Ein erneutes Aufflammen der Aggression kam in etwa 20% der Fälle vor, jedoch niemals in der gleichen Periode zweimal.

Wie von den theoretischen Überlegungen zur erwarten, trat der erste freundliche Kontakt statistisch nachweisbar früher auf als in Kontrollperioden ohne vorangehende Aggression. Auch die Zahl der freundlichen, nicht aggressiven Verhaltensweisen, in die das Opfer des Konflikts verwickelt war, war statistisch nachweisbar höher als in Kontrollbeobachtungen ohne vorangehenden Konflikt. Gleiches galt für die Verhaltensweisen freundlicher oder nicht aggressiver Art, die vom Opfer des Konflikts ausgingen. Die Versöhnungstendenz betrug insgesamt etwa 44%.

Besonders wichtig waren im Zusammenhang mit dem Versöhnungsverhalten lecken und Nase berühren, letzteres zeigte sich sogar nur im Zusammenhang mit vorangehenden Konfliktsituationen und wird von den Autor/innen als eine Art Entschuldigungsverhalten angeführt.

Die freundlichen Kontakte gingen mehr vom Verlierer als vom Gewinner des vorangehenden Konflikts aus, die Zahl der Versöhnungsakte war dagegen vom unbeteiligten Dritten und vom Opfer des Konflikts gleich häufig zu beobachten.

Die Ergebnisse zeigen, dass die sozialen Beziehungen in den untersuchten Wolfsrudeln offensichtlich eine asymmetrische Bedeutung haben. Die Rangtieferen, die normalerweise die Verlierer der geschilderten Konflikte waren, haben mehr zu verlieren als die Ranghöheren, und sind daher verstärkt an einer nachfolgenden Versöhnung interessiert. Die Ranghöheren sind jedoch jederzeit bereit, auf diese Versöhnungsanträge und vor allem auf die geschilderten Entschuldigungsverhalten einzugehen. Die Tatsache, dass es auch immer wieder zu Trost spenden seitens unbeteiligter Dritter, oft sogar ohne Aufforderung durch das Opfer des Konflikts kam, zeigt ein allgemeines Interesse an einem sozialen Frieden in der Gruppe.

Bemerkenswert ist auch eine positive Beziehung zwischen der Schärfe des Konflikts und der Wahrscheinlichkeit beziehungsweise Intensität des nachfolgenden freundlichen Verhaltens. Je mehr aggressive Verhaltensweisen im Konflikt vorher gezeigt wurden, desto mehr freundliche Verhaltensweisen kamen hinterher.

Insgesamt wird als Schlussfolgerung formuliert, dass offensichtlich das Interesse an einer stabilen, und damit auch reibungsarmen Dominanzbeziehung seitens der Untergebenen besonders stark ist. Die Kooperation des Rudels insgesamt ist jedoch ebenfalls ein wichtiger Beitrag, der das Versöhnungsverhalten mitsteuert, siehe die, durchaus auch unaufgeforderten Trostaktionen der unbeteiligten Dritten. Das Interesse an einer gesicherten Beziehung, die einigermaßen stressarm abläuft, und das Interesse an der Kooperation mit allen beteiligten Gruppenmitgliedern, beispielsweise bei Jagd oder Jungtieraufzucht, scheinen also die Hauptantriebsfedern zu sein.

Daher erwarten die Autor/innen auch, dass möglicherweise in größeren Rudeln, die eine geringere Abhängigkeit von jedem einzelnen Mitglied aufweisen, die Versöhnungstendenzen geringer sein könnten. Ebenso interessant könnte es werden, wie sich beispielsweise bei gemischten Haltungen von Wölfen mit Bären (vergleiche Bärenparks in Worbis oder im Schwarzwald) die Wölfe in Konfliktsituationen und danach untereinander verhalten.