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Beißstatistiken alters- und kontextabhängig

Zwei Arbeiten im letzten Jahr haben versucht, statistische Zusammenhäng zwischen Beißvorfällen in der häuslichen Umgebung eines Hundes mit verschiedenen Faktoren herzustellen. In einer Arbeit von Messam, Kass, Chomel und Hart (Verterinary Journal 197, 378–387 2013) wurden Bisse, die von Hunden gegen ihre menschlichen Familienmitglieder gezeigt wurden, mit dem Alter und der Situation, in der sie auftraten verglichen. Bemerkenswert war einerseits, dass Bisse, die während des Spielens auftraten, andere zeitliche Zusammenhänge mit der Entwicklung des Hundes, der Herkunft und dem Übernahmealter aufwiesen als Bisse, die außerhalb des Spielens auftraten. Hunde, die nie den Besitzer gewechselt hatten, hatten die geringste Wahrscheinlichkeit zuzubeißen. Auch zeigte sich, dass Hunde, die im Spiel zubissen, durchschnittlich jünger waren und auch nicht schon so lange im Haushalt des Menschen lebten als solche, die im Ernstzustand zubissen. Das Risiko eines Bisses im Spiel nahm bei Hunden, die im Alter von sechs Wochen bis zu einem Jahr erworben wurden, mit dem Alter des Hundes beim Erwerb leicht ab, bei Hunden, die im Alter oberhalb eines Jahres erworben wurden, gab sich keine Altersabhängigkeit mehr. Bei Hunden, die im Ernstfall zugebissen hatten, gab es einen starken Anstieg mit dem Alter bei Erwerb, wenn die Hunde weniger als sechs Monate alt erworben wurden, danach war das Risiko konstant. Offensichtlich war das Risiko also bei Hunden oberhalb eines Alters von sechs Monaten nicht mehr altersabhängig. Am geringsten war das Risiko bei Hunden, die im Haushalt ihres jetzigen Besitzers geboren waren.

Hunde, die während des Spielens zugebissen hatten, waren zum Zeitpunkt des Beißvorfalls durchschnittlich jünger als solche, die ernsthaft zugebissen hatten (im einem Fall ein Median mit 4 Monaten, im anderen ein Median von 2,5 Jahren).

Während das Beißrisiko im Spiel bis zum Alter von drei Monaten stark anstieg und danach stark abfiel, ging es bei ernsthaften Bissen vom Alter von zwei Jahren bis zu drei Jahren leicht an und nahm dann ebenso leicht wieder ab. Hunde, die im Spiel zubissen, waren durchschnittlich noch nicht so lange im Haushalt ihrer jetzigen Familie (Median 2 Monate) als Hunde, die ernsthaft zugebissen hatten (Median 21,5 Monate).

Eine zweite Studie aus Großbritannien (Casey et al. 2014, Appl. Anim. Behav. Sci. 152, 52–63, 2014) analysiert vorwiegend, in welchen Zusammenhängen Hunde gegen Menschen bissig werden. Bemerkenswert ist hier, dass die meisten Hunde ihre Aggression nicht in mehreren Kontexten, sondern immer nur in ganz bestimmten Einzelsituationen zeigten. Daraus schließen die Autorinnen, dass es sich hier nicht um einen allgemeinen Persönlichkeitszug der Hunde, sondern um einen erlernten Vorgang in situationstypischer Weise handelt. Ältere Hundehalter hatten seltener Beißvorfälle in der eigenen Familie und auch seltener Beißvorfälle gegen Fremde, die das Haus betraten, als jüngere Hundehalter. Auch weibliche Hundehalter hatten ein geringeres Risiko, einen Beißvorfall gegen Besucher zu melden. Ein Anstieg des Hundealters war mit einem Risiko der Aggression gegen fremde Personen sowohl im eigenen als auch außerhalb des eigenen Hauses verknüpft. Bei weiblichen Hunden hat die Kastration das Risiko in allen drei Zusammenhängen leicht reduziert. Bei Rüden ließ sich keine Abhängigkeit erkennen, und insgesamt war der Einfluss der Kastration nicht weiter ausgeprägt. Andere Studien hatten ja sogar ein erhöhtes Risiko bei kastrierten Rüden gefunden.

Rassetypische Zusammenhänge zeigten, dass Gebrauchshunde und Meutehunde ein erhöhtes Risiko von Beißvorfällen gegen Familienmitglieder hatten, Apportierhunde hatten ein geringeres Risiko der Aggression gegen fremde Menschen sowohl im eigenen als auch außerhalb des eigenen Hauses. Ein weiterer Risikofaktor war die Quelle der Hunde, Hunde aus Tierheimen hatten ein 2,6-mal höheres Risiko, Hunde aus anderen Quellen (einschließlich Zoogeschäften) ein 1,8-mal höheres Risiko der Aggression gegen Menschen als solche, die von Züchtern übernommen wurden (bei Aggression gegen eigene Familienmitglieder).

Hunde, die in Welpenklassen gewesen waren, hatten weniger Aggressionsvorfälle gegen Fremde sowohl im eigenen als auch außerhalb des eigenen Hauses. Hunde, die für Ausstellungen trainiert worden waren, zeigten ein geringeres Risiko der Aggression außerhalb des eigenen Hauses. Die Verwendung von Strafmaßnahmen oder negativen Verstärkern während des Trainings führte zu einer erhöhten Beißbereitschaft sowohl gegen Fremde außerhalb des Hauses als auch innerhalb der Familie.

Bei univariater statistischer Betrachtung der Rasseabhängigkeit ergab sich keinerlei Zusammenhang zwischen Rasse und Aggression gegen Familienmitglieder. Bei Aggression gegen Fremde, die das Haus betraten, waren beispielsweise Labradore, Golden Retriever, Cocker und Springer Spaniels, andere Retriever, Setter, und eine Reihe von Terrier Rassen mit geringerem Risiko versehen als die Vergleichswerte von Mischlingen. Bei Aggression gegen Fremde außerhalb des Hauses waren Deutsche und Belgische Schäferhunde mit einem erhöhten, Golden Retriever und Cocker Spaniels mit einem geringeren Risiko gegenüber den Mischlingen zu erkennen. Andere Rasseabhängigkeiten gab es offensichtlich nicht.

Von besonderer Bedeutung ist jedoch, dass alle diese Abhängigkeiten nur einen sehr geringen Teil der Varianz zwischen den Daten von aggressiven und nicht aggressiven Hunden erklärten. In keinem einzigen Fall erklärte eine der hier gefundenen Abhängigkeiten mehr als 10% des Unterschiedes zwischen aggressiven und nicht aggressiven Hunden. Dies bedeutet, dass individuelle Erfahrungen der Hunde in der Entwicklung aggressiver Reaktionen eine sehr viel größere Bedeutung haben als irgendeiner der oben genannten Abhängigkeitsfaktoren. Auch zeigen die Daten dieser Studie im Vergleich zu einer vorangehenden, dass in allen Situationen die Aggressionsbereitschaft gegen Menschen geringer ist als gegen Hunde.