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Hunde erkennen edle Spender an der Stimme

Die Fähigkeit, durch Beobachtung sozialer Interaktionen etwas über die Stimmungen, Absichten und möglichen Kontakterfolge zweier anderer Artgenossen zu erfassen, ist ein wesentlicher Teil sozialer Intelligenz bei höherem Lebewesen. Da es sich dabei oftmals um akustische Informationen handelt, hat sich in der Verhaltensnökologie der Begriff Lauscher (eavesdropper) eingebürgert. In mehreren Studien wurde diese Fähigkeit bei Hunden im Zusammenhang mit der Möglichkeit Nahrung zu teilen in Bezug auf menschliche Interaktionspartner untersucht. Eine neue Veröffentlichung im Heft 81/6 der Zeitschrift Animal Behavior (Marshal-Pescini, S. et al., Seite 1177–1183) hat diese Situation mit Hunden systematisch untersucht. Hund konnten zwei Menschen beobachten, wobei diese in einer gespielten Interaktion Nahrung unter sich aufteilen oder einer von beiden Nahrung für sich beanspruchte. Eine der beiden Gruppen interagierte vollständig nur mit Gestik, die andere überwiegend mit verbaler Kommunikation, die dritte mit beidem. Eine Kontrollgruppe interagierte so, als ob ein um Nahrung bettelnder Artgenosse anwesend wäre, ohne dass ein solcher Mensch vorhanden war. Die Hunde reagierten deutlich unterschiedlich auf die verschiedenen Testsituationen. Blickkontakte, Annährungen und andere Formen der Kontaktaufnahme bzw. das Vermeiden der Hunde zu den jeweiligen Darstellern der Szene wurden regisitriert. Die Hunde nahmen in allen Testsituationen mehr Kontakt mit dem großzügigen Spender auf als mit dem selbstsüchtigen Menschen, der seine Nahrung nicht teilte. Statistisch abgesichert waren diese Ergebnisse überwiegend für die jenigen Versuchsgruppen, bei denen die Menschen sowohl mit Gestik als auch mit der Stimme, oder nur mit verbalen Aktionen ihre Absichten darlegten. Die Hunde zeigten nur eine geringere und nicht statistisch absicherbare Bevorzugung dem edlen Spender gegenüber dem selbstsüchtigen Darsteller in der Gruppe, die nur mit Gestik kommunizierte.

In der Diskussion des Artikels wird auch die Möglichkeit angeschnitten, ob die Hunde weniger den Großzügigen bevorzugen als vielmehr den Selbstsüchtigen meiden. Da jedoch in der Gruppe, die nur mit Gestik interagiert, der Selbstsüchtige ganz besonders rigoros gegen den Bettler vorging, erscheint dies unwahrscheinlich. Jedoch ist aus anderen Studien bekannt, dass Hunde sehr wohl aggressive Absichten in der Kommunikation und der Körpersprache eines Menschen erkennen können. Auch wenn die Gestik alleine den Hunden offensichtlich nicht als eindeutiges Kriterium für die Absichten des Menschen ausreichte, war die Kombination von Gestik und Stimme noch wesentlicher wirkungsvoller als die Stimme alleine.

In der Zusammenschau mit den Ergebnissen einer anderen, 2006 veröffentlichten Studie über Hunde, die spielerisch Interaktionen zwischen Menschen und/oder Hunden beobachteten, lässt sich ableiten, dass Hunde zumindest 3 Situationen durch Beobachtungen einschätzen können: Sie können erkennen ob 2 beobachtete Menschen und/oder Hunde spielerisch oder ernsthaft in einer Wettbewerbssituation interagieren, und sie können Nahrungsteilen, also gemeinsame versus egoistische Ressourcen Nutzung erkennen. Ob dies eine Eigenschaft ist, die bereits auf ihrer auf Kooperation beruhenden stammesgeschichtlichen Vergangenheit beruht oder im Zusammenleben mit dem Menschen entwickelt wurde ist bisher unklar.